Zur Erinnerung an Prof. Warschauer

Warschauer

 

Zum 80. Todestag von Prof. Adolf Warschauer

Aus: Ostland“, 1931, Nr. 1, Seite 9

Geheimrat Professor Adolf Warschauer, der jahrzehntelang als Archivrat am Posener Staatsarchiv gewirkt und in der Erforschung der Posener Provinzialgeschichte wie der Geschichte des Ostens       über­haupt Großes geleistet hat, der dann acht Jahre lang Direktor des Staatsarchivs in Danzig war, während des Krieges die polnischen Archive in Warschau leitete, und der seit 1920 in Berlin (Lützowplatz 27) im Ruhestände lebte, ist in der Nacht zum zweiten Weihnachtsfeiertage nach kurzer akuter Krankheit sanft entschlafen. Er war am 13. Oktober 1855 in Kempen geboren, war also ein Sohn der Provinz Posen. Den größten Teil seiner Jugend, fast zwei Jahrzehnte lang, brachte er in Breslau zu, wo eine dort verheiratete ältere Schwester seiner Mutter seine Erziehung übernommen hatte und wo er das Elisabethgymnasium und die Universität besuchte. Nachdem er mit Genehmigung von Sybels sich im Staatsarchiv in Breslau auf die Archivlaufbahn vorbereitet hatte, wurde er im Februar 1882 probe­weise und nach drei Monaten endgültig als Hilfsarbeiter am Staatsarchiv in Posen angestellt, 1886 zum Archivar, 1901 zum Archivrat und 1911 zum Geheimen Archivrat ernannt. 1912 wurden seine großen Verdienste durch Ernennung zum Direktor des Staatsarchivs in Danzig anerkannt. Während seiner ganzen beruflichen Tätigkeit hat er sich fast ausschließlich der Erforschung der Geschichte des Ostens und der Klarstellung der früheren polnischen Verhältnisse einerseits und der deutschen Verhältnisse des Ostens andererseits gewidmet. Er hat das mit einer Objektivität und Gründlichkeit getan, die vorbildlich ist. Warschauer war Mitherausgeber des großen Urkundenwerkes über Südpreußen „Das Jahr 1793“, Redakteur der „Historischen Zeitschrift der Provinz Posen“ und der „Historischen Monatsblätter“, die ebenso wie jene von der Historischen Gesellschaft in Posen herausgegeben wurden, deren Seele und deren langjähriger Vorsitzender er war.

Das Staatsarchiv befand sich im Posener Residenzschloss

Wie er „Die deutsche Geschichtsschreibung der Provinz Posen“ als erster zusammenfallend und aufhellend behandelt hat, so hat er eine verdienst­volle Übersicht über „die städtischen Archive der Provinz Posen“ ge­geben, und so schrieb er eine „Geschichte der Provinz Posen in polnischer Zeit“, behandelte er „Die deutsche Geschichtsschreibung in der Provinz Posen“, „Die Epochen der Posener Landesgeschichte“ usw. Auch das Stadtbuch von Posen hat er veröffentlicht und die Chronik vieler Posenscher Städte geschrieben, insbesondere auch die der Stadt Gnesen. Die Anzahl der von ihm herausgegebenen Schriften und Aufsätze ist so groß, daß sie in einer sehr aufwendigen Arbeit des Herrn Arthur Kronthal über Adolf Warschauer, die einen Sonderabdruck aus Heft 20 der „Deutschen wissenschaftlichen Zeitschrift für Polen“ dar­stellt (Verlag der Historischen Gesellschaft in Posen) nicht weniger als zwölf eng bedruckte Seiten einnimmt. Darunter befinden sich auch eine größere Anzahl von Aufsätzen Warschauers, die er als Mitarbeiter unseres „Ostlands“ und unseres „Ostdeutschen Heimatkalenders“ ver­öffentlicht hat. Außer durch seine zahlreichen Publikationen ist Warschauer bekanntgeworden durch die vielen Vorträge, die er in Stadt und Provinz Posen jahrzehntelang in der historischen Gesellschaft und in der Deutschen Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft und ihren vielen Ortsgruppen gehalten hat.
Als Dozent an der Posener Akademie hat er viel zur Aufklärung über die Kulturmission des Deutschtums im Osten beigetragen, seine Verdienste um die Er­forschung der Geschichte des Posener Rathauses und um seine stilgemäße Wiederherstellung hat Herr Oberbürgermeister Dr. Wilms – Posen erst jüngst im „Ostland“ anerkannt. Wir haben seine großen Verdienste anläßlich seines 70. Geburtstages in unserer Archiv-Beilage, deren erste Folge des Jahrgangs 1927 wir ihm widmeten, eingehend gewürdigt und damals auch sein Bild gebracht. Herr Dr. Lüdtke hat dabei Warschauers Lebenserinnerungen: „Deutsche Kulturarbeit in der Ostmark“ als ein wichtiges Ouellenwerk für die ostmärkische Geistesgeschichte eingehend gewürdigt. Warschauer hat sein ganzes Leben der Sache des ostmärkischen Deutschtums gewidmet und hat dabei den Polen stets Gerechtigkeit widerfahren lassen.
Auch in der Verwaltung der polnischen Archive in Warschau während des Krieges hat er bei aller Wahrung der deutschen Interessen den Polen gegenüber nach Recht und Billigkeit gehandelt, in manchen Punkten vielleicht sogar zu sehr. Nichtdestoweniger ließen die Polen den greisen, hoch angesehenen Gelehrten nach dem polnischen Umsturz in Warschau fast 24 Stunden lang mit den Seinen auf dem Güterbahnhof kampieren, bis er endlich, mitten im Winter, in einem ungeheizten Viehwagen die Fahrt nach Berlin antreten konnte, wozu er drei Tage und drei Nächte brauchte. Der Dichter Karl Busse hat sich bei einer solchen Fahrt bekanntlich den Tod geholt. Warschauer blieb trotz seiner zarten Konstitution vor solch unmittelbaren Folgen verschont. Seine einige Jahre darauf eintretende schwere Erkrankung, die ihn bei völliger geistiger Frische körperlich in allem stark behinderte, ist aber wahrscheinlich auf die Folgen jener brutalen Behandlung durch die polnischen Revolutionäre zurückzuführen. Nachdem Warschauer für die Friedensverhandlungen und für die Auseinandersetzungen mit Polen der Reichsregierung noch wertvolle Dienste geleistet hatte, trat er 1920 in den Ruhestand, bis zu seinem Ende, trotz des erwähnten schweren körperlichen Leidens, unausgesetzt wissenschaftlich tätig. Der Deutsche Ostbund hat die großen Verdienste Warschauers um die Geschichtsforschung der Ostmark durch die Verleihung der silbernen Ehrennadel des Deutschen Ostbundes mit der Anschrift „Für Verdienste um die Ostmark“ geehrt.
An der Trauerfeier zu Ehren des Verstorbenen, die am 30. Dezember im Krematorium in Wilmersdorf stattfand, nahmen zahlreiche Posener und viele Vertreter der wissen­schaftlichen Welt teil.                                   Das Präsidium des Deutschen Ostbundes war durch die Herren Bundespräsident Ginschel und Archivrat Dr. Kupke – Stettin (früher Posen) vertreten.
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2 Antworten zu Zur Erinnerung an Prof. Warschauer

  1. Besucher schreibt:

    Wenn ich Berichte aus Posen und Schlesien lese dann schlagen immer zwei Herzen in meiner Brust, als Nachkomme einer niederschlesisch (Kreis Militsch-Trachenberg)-polnischen Linie (Großraum Poznan/Posen) mütterlicherseits.
    Ich wüsste keine Lösung wie man sich hätte einigen können, da auch die Polen historisch als königliche Wahlmonarchie das Recht auf ihren eigenen Staat hatten und haben und dies unweigerlich die großpolnische Variante nach sich gezogen hat (aufgrund der kompakten polnischen Besiedlung in der Povinz Posen):
    http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Sprachen_Deutsches_Reich_1900.png&filetimestamp=20100121103840

    Wie das Pilsudski-Polen dann mit den deutschen Minderheiten umgegangen ist, darüber brauch man hier glaube ich nicht diskutieren.

    Heute bleibt nur die Pflege des kulturellen Erbes…

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