Ergänzungen zum Artikel über Prof. Warschauer

 

Ergänzung Nr. 2 zum Artikel:

 „Reklameblätter zur Heranziehung deutscher Kolonisten im 17. und 18. Jahrhundert.“

Aus: „Zeitschrift der Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen“, XIII. Jg., 1898. Seiten 55-70

Von Geh. Archivrat Prof. Dr. Adolf Warschauer.

Die Einwanderung deutscher Protestanten besonders aus Schlesien, welche seit den dreißiger Jahren des 17. Jahrhunderts dem alten Großpolen eine außerordentliche Menge werthvoller Arbeitskräfte zuführte und die so stark war, daß sie nicht nur in einer großen Reihe von Städten neue Stadttheile begründete, sondern eine Anzahl neuer nicht unbedeutender Städte ins Leben rief, schloß sich in mancher Beziehung eng an das Vorgehen der mittelalterlichen Kolonisatoren an. Das Andenken an die letzteren war im Lande tatsächlich auch nicht erloschen. Der Grundherr Adam Albrecht Przyjemski, welcher im Jahre 1639 deutschen Neuankömmlingen die Stadt Rawitsch zu erbauen erlaubte, berief sich in seinem ihnen ausgestellten Privilegium ausdrücklich darauf, daß die Fremden auch schon früher die Städte Krakau, Lemberg und Posen erbaut und zu Nutz und Frommen der Krone und des Vaterlandes viele andere Grenzorte fundiret hätten. Der Grundriß, nach welchem die Ansiedler des 17. und 18. Jahrhunderts neue Städte im Slavenlande anlegten, war ganz der mittelalterliche. Wie damals bildete ein viereckiger Marktplatz den Mittelpunkt, von welchem die Straßen bis zur Stadtmauer liefen, nur daß jetzt vielfach nicht das Rathhaus, sondern die Kirche die Mitte des Marktes einnahm und augenfällig Zeugniß von den veränderten Beweggründen, welche die Kolonisten jetzt in die Fremde getrieben hatten, ablegte. Auch die Rechtsstellung der Stadt wurde gewöhnlich ganz im mittelalterlichen Sinne geordnet. Es erfolgte, wie in den alten Zeiten, regelmäßig die Exemtion von dem polnischen Landrecht und die Verleihung des Magdeburgischen Rechts durch den Landesherrn, der die Neugründung meist auch mit dem Rechte, mehrere Jahrmärkte abzuhalten, bewidmete.
Nur in dem einen wesentlichen Punkte unterschieden sich die neueren Städtegründungen von den mittelalterlichen, daß der sogenannte Locator des 13. und 14. Jahrhunderts fehlte.
Der Grundherr, welcher Kolonisten heranziehen und eine Stadt auf seinem Gute entstehen sehen wollte, wandte sich nicht mehr, wie im Mittelalter, an einen Unternehmer, der durch seine Verbindungen, sein Geschick und seinen Reichthum geeignet war, ihm Kolonisten herbeizuführen und ihre Ansetzung zu leiten. Es mag sein, daß die großen Einkünfte und Vortheile, welche dem Locator in der von ihm eingerichteten Stadt regelmäßig mußten eingeräumt werden und den materiellen Gewinn des Grundherrn von seiner Stadt sehr schmälerten, ein Wiederaufleben dieses im Mittelalter so wichtigen Amtes verhinderten.    Wie die Grundherren nunmehr aber ihren Gewinn mit den Locatoren nicht zu theilen brauchten, so entging ihnen naturgemäß auch der Vortheil, den ihre Altvordern aus der Thätigkeit dieser Männer gezogen hatten. Wer eine Stadt gründen wollte, mußte jetzt selbst zusehen, wie er die dazu nothwendigen Kolonisten heranziehen konnte.
Es haben sich nun Spuren davon erhalten, daß dieses das Amt der Locatoren ersetzende Mittel in dem Erlaß öffentlicher Aufrufe in Druck oder Schrift bestand. Es sind zwar bisher nur drei solcher Kundgebungen aufgefunden worden, doch geben dieselben über die Art und Weise, wie man vorging, um so mehr genügenden Aufschluß, als sie aus verschiedenen Gegenden des Landes stammen und verschiedenen Zeiten der Kolonisationsperiode angehören. Alle drei Stücke sind, obwohl von polnischen Grundherren ausgestellt, doch in deutscher Sprache abgefaßt; es mußte wohl vorausgesetzt werden, daß die Einwanderer, für welche die Aufrufe bestimmt waren, weder des Polnischen, noch auch – als einfache Leute – des Lateinischen mächtig waren. In allzu vielen Exemplaren werden die Aufrufe wohl nicht verbreitet worden sein, da, wie es scheint, der Aussteller im 17. Jahrhundert jedes einzelne Exemplar eigenhändig unterschrieb und untersiegeln ließ. Nach allgemeiner Auffassung wird dies nothwendig gewesen sein, um zu den gemachten Zusagen Vertrauen einzuflößen. Auch ist es fraglich, ob man diese Aufrufe immer hat drucken lassen oder sich mit der Anfertigung und Verbreitung einiger Abschriften begnügte, wenigstens ist eines der erhaltenen Stücke nur in einem handschriftlichen Exemplar auf uns gekommen. Jedes dieser Blätter enthält naturgemäß eine mehr oder minder ausführlich begründete Empfehlung des mit Kolonisten zu bevölkernden Ortes. Im 17. Jahrhundert wird in erster Reihe darauf Werth gelegt, daß der Ort Gelegenheit biete, den Gottesdienst nach der Augsburgischen Konfession abzuhalten, während im 18. Jahrhundert die religiösen Motive in den Hintergrund und die wirtschaftlichen Vortheile hervor treten. Jeder dieser Aufrufe bietet ferner eine feierliche Versicherung des Schutzes von Seiten des Ausstellers für diejenigen, welche seiner Aufforderung Folge leisten würden, und stellt schließlich gewisse besondere Vortheile, wie Steuererlasse, Bauholzlieferungen, pekuniäre Unterstützungen in Aussicht.
Das älteste der erhaltenen Blätter betrifft das in der Nähe von Posen gelegene Städtchen Schwersenz. Dasselbe wurde von dem Grundherrn Sigismund Grudzinski, Woiwoden von Kalisch, 1621 dadurch ins Leben gerufen, daß er Juden von der Posener Gemeinde ansiedelte und ihnen eine Anzahl protestantischer Familien zugesellte. Das.Privilegium wurde der neuen Stadt, welche nach dem Wappen des Grudzynski (Grzymala) den Namen Grzymalowo erhalten sollte, am 28. August 1638 ausgestellt. Um noch mehr Kolonisten heranzuziehen, ließ der Grundherr im Jahre 1641 den folgenden Aufruf im Druck ergehen: „Sigismundus von Grudna Grudzinsky, Kalischer Woiwoda, Grast auff Kurnick, Erbherr aust Lobsentz, Zlotowo 1), Krainke 2), Bartschin, Grzimalaw, Falmirow. Hauptman auff Schreda. Thun kund und zu wissen Jedermänniglich, weß Standes, Würden und Kondition dieselbigen seyn mögen, daß demnach wir mit Consens und Bewilligung Ihrer Königl. Maytt. in Pohlen, unsers allergnädigsten Herrens, fundiret und lociret haben auff unsers Dorffes Zwarsentz Grund und Boden die Stadt Grzimalaw, dieselbige auch mit vielen Privilegien und Freyheiten begnadet, und verwünschen, daß je länger je mehr Inwohner sich allda fundiren und bawen möchten, als thun wir hiemit alle redliche gutte Leute deutscher Nation, die sich hier in Polen zu setzen willens weren, freundlichen invitiren, sie wolten an gemelten Ort kommen, alldar sich setzen und fundiren. Wir versprechen Ihnen vor Uns, unsere Erben und Erbnehmen, daß wir dieselbigen nicht allein bey gemelten Ihnen von uns ertheileten Privilegien und Freyheiten, die wir sampt unserer Gemahlin und Herren Söhnen bekräftiget unnd unterschrieben haben, schützen und handhaben wollen, sondern auch zu Auffbawung ihrer Häuser in unsern Heyden und Wälden, so viel sie bedörffen werden, umbsonst Holtz geben lassen, alle Beföderung ihnen leisten und billiches Patrocinium ihnen beweisen. Weil denn des Ortes Gelegenheit sehr bequäm, das Exercitium der Evangelischen Religion frey und ungehindert allda exerciret wird, wir auch sampt unsern Erben solches unverbrüchlich zu erhalten unnd bey dem freyen Exercitio der Evangelischen Religion die Inwohner zu schützen uns verobligiren, als haben wir zu mehrer besser Sicherheit diese Patenta in offnen Druck außgehen und publiciren laffen und mit unserer Hand und Siegel bekräftiget. Geben in unserm Schloß zu Kurnick, den 1. November 1641“.
Handschriftlich ist noch hinzugefügt: „Dieses sol man auch vorstehen von der Stadt Kurnik, Zlotaw undt Lobsentz unndt Bnin, die mitt gleichen Privilegen unndt Freyheidten begnadet sein undt solche Gelegenheide haben besonderlich zum bauen, daß man nicht andeß sobaldwo zu finden ist“.
Das Patent ist mit dem Siegel des Ausstellers im Oblatenabdruck versehen und von ihm eigenhändig durch die Worte: Sigismund Grudzynski, palatinus Calisiensis unterzeichnet worden. Der Aufruf ist in kräftigen deutschen Typen, deutlich und ohne bemerkenswerthe Fehler gedruckt. Der Buchstabe S, mit welchem das Blatt beginnt, ist im Geschmacke der Zeit als Initiale verziert. Ein Druckort ist nicht angegeben. Die Annahme liegt nahe, daß der Druck in Posen in der zu jener Zeit dort blühenden Regulusschen Druckerei hergestellt worden ist, welche die Grudzinskische Familie auch sonst gelegentlich benutzte 3). Das Blatt, welches sich jetzt im Verwahrsam des Posener Staatsarchivs befindet, ist nicht aus Schwersenz, sondern aus Lobsens, wo es im evangelischen Pfarrarchiv gelegen hatte, dorthin gelangt. Da Sigismund Grudzinski dem Aufruf auch für seine Stadt Lobsens Geltung verliehen hatte, und es feststeht, daß Lobsens um jene Zeit von einem starken Einwandererstrom deutscher Protestanten, die eine Neustadt erbauten, getroffen worden, so ist wohl anzunehmen, daß unser Exemplar mit den Kolonisten nach Lobsens gelangte. Dort muß es sogleich dem protestantischen Geistlichen übergeben worden sein, denn auf dem Blatte befindet sich rechts unten ein handschriftlicher Vermerk, der 12 Jahre nach dem Erlasse des Aufrufs nur von einem Geistlichen geschrieben sein kann:
„Nota 1653 den 8 Martii war der Sonnabent für Reminiscere zwischen 3 und 4 des Morgens ist I. G. G. der Her Woywoda Herr Sigismundus Grudsintzky zu Flatto auff den Schlosse gestorben. J. G. G. Alter ist geschetzet worden auff fünff und achtzig Jahr. Dominica Reminiscere hab ich öffentliche Dancksagung gethan. JI. G. G. haben nachgelassen 736 Dörffer und 8 Städte, wie mir Solches glaubwirdig berichtet worden. 1653 den 12. Maii als Montages nach Cantats ist  J. G. G. zu Flatto sehr prächtig begraben worden. H. L.“ 4)
Elf Jahre jünger als der Schwersenzsche Aufruf ist der zweite uns erhaltene, welcher die Stadt Bomst betrifft. Diese Stadt lag auf königlichem Grund und Boden und stand in der Mitte des 18. Jahrhunderts unter der Leitung des Starosten Christoph Zegocki, welcher später als einer der ersten Führer der polnisch-nationalen Partei im Kriege gegen den schwedischen König Karl Gustav sich einen großen Namen machte und bis zur Würde eines Woiwoden von Inowrazlaw emporstieg, dann aber in den geistlichen Stand übertrat und Bischof von Chelm wurde. Obwohl die öffentliche Thätigkeit Zegockis durchaus keinen Anhalt dafür gibt, ihm freundliche Gesinnungen den Deutschen und Evangelischen gegenüber beizumessen, so war er doch vorurtheilslos genug, den Nutzen, den der Andrang deutscher protestantischer Kolonisten „zu Vermehrung und Verbesserung Ihrer Königlichen Maystett Landt und Städtte“ bringen konnte, richtig zu würdigen. Nachdem er deshalb seinen „lieben unndt treuen deutschen Bürgern zum Bombst“ erlaubt hatte, sich ein evangelisches Gotteshaus auf königlichem Grund und Boden zu halten, lud er durch einen deutschen Aufruf am 15. April 1652 Kolonisten in seine Starostei ein, versprach ihnen Platz zur Erbauung von Häusern so wie zum Betriebe ihres Gewerkes und stellte ihnen auch in Aussicht, bei dem Könige für sie eine Steuerfreiheit auf etliche Jahre zu erwirken. „Als ist – so schloß er seinen Aufruf – an alle undt ide Handtwercks Leutte deutscher Nation mein Bietten, woferne sie Lust und Liebe haben, untter meiner Königlichen Commando zu bawen, zu wohnen undt ihre Nahrung zu treiben, dieselben kommen undt geben sich bey mir ungescheuet an, wiel ihnen allen födersahmen Wiellen erzeigen undt ihre deuttsche Freyheit beschützen, also das sie erkenen undt spuren sollen meinen gutten und geneigten Wiellen gegen sie“ 5).
Ob dieser Aufruf jemals gedruckt worden ist, muß dahingestellt bleiben, seinem Inhalte nach muß man voraussetzen, daß er mindestens in einer Anzahl handschriftlicher Ausfertigungen verbreitet worden ist. Das uns vorliegende Exemplar, welches dem Königlichen Staatsarchiv zu Posen gehört, ist allerdings mit der eigenhändigen Unterschrift und dem Siegel des Ausstellers im Oblatenabdruck versehen; da dasselbe aber auch bei dem gedruckten Schwersenzer Aufruf der Fall ist, so ist es  nicht  nothwendig,  unsere Ausfertigung als die einzige oder auch nur als das Stammexemplar anzusehen, von welchem die späteren Abschriften oder Drucke genommen wurden. Unser Aufruf hat ein eigentümliches Schicksal gehabt. Sein Wortlaut zeigt deutlich, daß er nichts als eine Einladung an die deutschen Kolonisten, sich in Bomst anzusiedeln, ist; von der Erlaubniß zum Bau einer protestantischen Kirche spricht der Aufruf als einer den Bürgern von Bomst bereits ertheilten. Trotzdem wurde das Schriftstück im 17. Jahrhundert mißverständlich als ein Privilegium, durch welches der Starost Christoph Zegocki den Bürgern von Bomst die Errichtung einer protestantischen Kirche gestattete, aufgefaßt. Als solches wurde es 1785 dem polnischen Könige Stanislaus August vorgelegt und von ihm ausdrücklich als eine von Zegocki den Bomster Bürgern augsburgischer Konfession ertheilte Genehmigung zum Bau und zur Erhaltung einer Kirche bestätigt 6). Es ist dies um so sonderbarer, als das in dieser Weise falsch gedeutete Schriftstück in seinem vollen Wortlaute in dem neu ausgestellten königlichen Privileg von 1785 Aufnahme gefunden hat 7).
Das dritte Beispiel eines öffentlichen Aufrufs zur Heranziehung deutscher Kolonisten wird von der Stadt Samotschin geboten und kann, da es mehr als ein Jahrhundert jünger ist, als die beiden ersten, zum Beweise dienen, daß wir es nicht mit einer vorübergehenden Mode, sondern durch lange Zeiträume geübten Gewohnheit zu thun haben. Samotschin wurde in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch den Grundherrn Joseph Betkowski mit königlicher Genehmigung vom Dorfe zur Stadt erhoben. Später gelangte der Ort unter die Grundherrschaft der Familie Raczynski, und der erste Besitzer aus diesem Haufe, der Kastellan von Santok Leo Raczynski, beschloß, ihn durch Ansiedelung deutscher Kolonisten zu erweitern und zu heben. Er war willens, neben der alten Stadt einen neuen Stadttheil für die zuwandernden Bürger zu erbauen, und ließ, um dieselben in größerer Menge heranzuziehen, zwei Schriften in Druck ausgehen. Die ältere derselben ist verloren gegangen und scheint nur ein einzelnes Blatt gewesen zu fein; von ihrer Existenz haben wir nur dadurch Kunde, daß in der zweiten auf sie Bezug genommen ist 8.). Diese jüngere Schrift ist ein in lateinischen Lettern gedrucktes Büchlein in Quart, aus 18 Blättern bestehend, mit folgendem umständlichen Titel: „Vernunfftmaßige Grundregeln des Herrn Graffen von Raczyn Raczynski Castellan von Santock, General-Lieutenant, Starosta in Baehrenhoff, Her zu Schonberg,.Wyszyn, Obrzysko, Szamoscin und Dannabor. Seiner Stadt Szamocin Teutsch Filipsburg (nach seinen Sohn genant) in der Woywodschafft Kalisch gelegen an der Netze im Kreisse Kcin, 6 biß 7 Meilen von Conitz, in groß Pohlen; wie sie mit allerhand Kauffleuten, Künstlern und Handwerker geziret sein soll, damit eines zu den andern nicht fehle, so kan alles nöthige der Stadt verfertiget und jeden zur gnüge fein, wodurch die Ordnung mit der Arbeit und die Arbeit mit der Ordnung sich vereinige, und mit Gottes Hülffe kan man bald den Nutzen daraus ersehen, das jederman da von die Früchte lesen könne, wo nur der Mercurius will ernsthafftig sein Sitz hier anlegen, so wird alles darinnen zu finden, was nur in einer grossen Stadt seyn kann.“
Trotz der Ausführlichkeit dieses Titels hat der Verfasser es doch unterlassen, Jahr und Ort des Druckes der kleinen Schrift anzugeben. Freilich läßt sich die Zeit bis auf ein halbes Jahrzehnt genau bestimmen. Da Leo Raczynski das Amt eines Kastellans von Santok in den Jahren 1746-1756 bekleidet hat, die Samotschiner Güter aber durch einen am 3. August 1750 abgeschlossenen Kaufvertrag 9) sein Eigenthum geworden sind, so kann die Schrift nicht vor 1750 und nicht nach 1756 gedruckt sein. Aber auch das Jahr 1750 ist ausgeschlossen, da nach den unten angeführten Worten der Einleitung unserer Schrift der erste nunmehr verlorene Aufruf am 6. Februar des „lauffenden“ (also Druck-) Jahres erschienen ist und Raczynski erst im August 1750 Eigentumsrechte an Samotschin gewann. Es muß somit das Jahr, in welchem die Vernunfftmäßigen Grundregeln …“ erschienen sind, in die Zeit von 1751-1755 fallen. Als Druckort ist vielleicht Samotschin selbst oder eine andere Besitzung Raczynskis anzunehmen, da derselbe in der Schrift erzählt, er halte in seinem Hause Material zum Druck für einen halben Bogen und die Blattzählung im Buche selbst: A A2, B B2, C C2,, u. s. f. darauf hinzudeuten scheint, daß es in halben Bogen gedruckt ist. Neben sonstigem Merkwürdigen, was diese Schrift enthält, würde sie dann auch noch das Interesse haben, das vielleicht allein erhaltene Produkt einer sonst unbekannten privaten Druckerei zu sein. Tatsächlich ist der Druck auch so schlecht und fehlerhaft, daß er einer größeren Officin kaum würdig ist. Das uns vorliegende Exemplar der Schrift ist Eigenthum der Raczynskischen Bibliothek von Posen; ob noch irgendwo ein zweites existirt, ist uns nicht bekannt geworden. Da der Gründer der Bibliothek, der Graf Eduard Raczynski, der Enkel des Verfassers war 10), so ist er wohl durch Erbschaft in den Besitz des Handexemplars seines Großvaters gelangt, welches er dann der durch ihn gestifteten Bibliothek einverleibte. Als Zweck der Schrift wird in der Einleitung derselben angegeben, „denen Liebhaber die cukünfftige Ordnung der Stat zu commoniciren, wie alles und iedes sei und gehalten werden soll. Nebst den Fortel derer Manufacturen und Handwercks leute, so sie alhier haben können“. Der Stoff ist in drei Theilen gesondert. Im ersten wird über die Verfassung und Ordnung der neu zu gründenden Stadt im Allgemeinen gehandelt, im zweiten werden die Manufakturen aufgezählt, deren Einführung zu empfehlen ist, und der dritte zeigt Handwerkern aller Art, daß sie in der neuen Stadt ihr Fortkommen finden können. Der Ton des Ganzen ist vollkommen der der Reklame, die Farbe, welche der Darsteller für das von ihm entworfene Zukunftsbild wählt, von möglichster Helligkeit. Es zeigt sich dies schon in der überschwänglichen Art, wie er an einigen Stellen der Schrift von der Lage der Stadt spricht. Es liege der „Ohrt im Mittelpunct von allen den Staedten, als Dantzig, Breßlau, Berlin, Warschau, Stettin, Wien, Willnau, auch in der Mitte, Thoren und Bresßlau von Lissa nach Dantzig in der mitte, das es also allen den Städten nicht Schaden verursachen köne, vielmehr die gröste Hülffe“. Ueber die Lage des Ortes an der Netze, von welcher die Stadt Samotschin allerdings eine halbe Meile entfernt liegt, sagt er: „Der Szamoscinscher Flus oder die Netze ist schiffreich, fallet in die Warte bey Landsberg, von dar kan man kommen nach Franckfuhrt, Stettin, Berlin, Hamburg, so zu sagen, wie man will, und also sehr bequem vor die Stadt.“
Für die möglichst vollkommene Einrichtung des Gemeinwesens läßt er es in dem ersten Theile seiner Schrift nicht an weitgehenden Versprechungen fehlen. Den künftigen städtischen Beamten, Bürgermeister und Stadtrichter, will er zu ihrer Ausstattung je ein Vorwerk geben, damit sie ihrem Amte ordentlich obliegen können nnd sich mit keiner andern Hantirung zu meliren brauchen. Er stellt in Aussicht, eine Wasserleitung derartig anzulegen, daß sie sich bei allen Hänsern durchziehe, „umb denen Leuten aller Commoditaet zu verschaffen“. Ganz ungewöhnlich in Anbetracht des damaligen elenden Zustandes der großpolnischen Städte war der Vorsatz des Grundherrn, in der Neustadt nur gemauerte Häuser dulden zu wollen. Die Ziegel will er zu mäßigen Preisen liefern. Er hat auch schon 100000 verfertigen lassen, wozu er 4 große Ziegelscheunen von 120 Ellen Länge erbaut hat. „Vor dem Kalck wird nichts als nur die Arbeiters bezahlt, das benöthigte Holtz wird ein jeder auf der Nähe in der Nachbahrschafft vor weniges haben.“ Auch sonst soll auf das äußere Ansehen der neu zu erbauenden Stadt Bedacht genommen werden. Die Straßen würden 6 Ruthen breit, jedes Haus von dem andern 15 Ellen entfernt sein. Merkwürdig ist es, daß keine Fensterladen in der Stadt gelitten werden sollen, sondern nur inwendig Vorhänge „Ursach dessen, damit das Volck geziemend lebet, weil umb 10. Uhr 11) in der gantzen Stadt alles vollkommen auf, und in vollen Behten und Arbeiten stehen, wor auf dem Policey Meister eine scharffe Aufsicht dar auf gesezet“. Zäune um die Häuser würden ebenfalls nicht erlaubt sein, sondern nur „Stacheten, welche nicht zu gros, und diese nach die Kraeffte eines Wihrtes aufs sauberste gemahlt“. Hinter den Staketen sollten vor jedes Haus 4 oder 6 Kastanienbäume oder Maulbeeren kommen, doch müsse allerdings jeder Wirth sich die Mühe selbst nehmen, sie anzuschaffen und fortzupflanzen. „Kein Stroh, kein Heu wird in der Stadt conservieret, sondern ein aparter Platz zum Stadthoff da zu erbauet, eben fals keine Schweine werden nicht erlaubt, als in den Kuber zu halten, welche sie zu gleich mit dem Provet 12) erbauen sollen, weil sonsten keine Stadt reinlich sein kan, und viel Schaden durch dieselben verursachet wird an Bäumen und Stachetten und die Steinpflaster gantz und gar auswühlen.“ Auch für die Beleuchtung der Straßen zur Nachtzeit soll gesorgt werden. Ebenso will der Grundherr Vorsichtsmaßregeln gegen die Feuersgefahr treffen. Alle Häuser sollen mit holländischen Schornsteinen geziert werden, „mit lauter Muppen“, von welchen er viele Tausend verfertigen lassen werde. Auch sei er willens, eine Brandordnung und Feuerkasse aufzurichten, damit, wenn ein Schaden durch Feuer geschieht, alles und jedes vergolten werde. Zur Pflege der armen Krankenwelches Religionis sie auch seind“ will er ein Kloster der Barmherzigen Brüder mit einer Kirche in Samotschin bauen. Er will ein Post-Haus, ein Schießhaus, eine Jungfernkasse, eine Wittwenkasse, Armen- und Sterbekasse einrichten. Ausführlich schildert er, wie er sich die Einrichtung der Behörden in seiner neuen Stadt denkt. Raths- und Gerichtsmänner werden jährlich 2 Wochen vor Ostern gewählt, Bürgermeister und Vogt, welcher zugleich das Amt des Kämmerers versieht, nur alle 6 Jahre. Alle Freitag sollen Bürgermeister und Richter von 6 Uhr Morgens bis 10 Uhr beständig richten. Rath und Parteien dürfen beim Richten kein Bier und Brantwein trinken, auch darf nicht um Bier und Brantwein gestraft werden, wie es in den kleinen Städten noch der Brauch ist. Außer Rath und Schöffen solle noch eine Art von Bürgervertretung eingerichtet werden: hierzu werden 8 Männer gewählt, die alle Sonnabend das „Commertium“ und der Stadt Bestes betrachten sollen. Wenn von der Herrschaft der Befehl ergehet, einen Rathstag außer den andern zu halten, so wird jeder für seine Mühe von der Herrschaft einen Tympf zu genießen haben. Endlich wird auch noch die Ansetzung eines Stadtschreibers als nothwendig hervorgehoben.
Am interessantesten aber sind die Theile des Büchleins, in welchen die Stadt den verschiedenen Berufsarten empfohlen wird. In immer neuen Wendungen, die manchmal mit einem etwas grobkörnigen Humor gewürzt sind, stellt der Verfasser die sich bietenden Vortheile, das geringe Angebot und die große Nachfrage, in das hellste Licht. Nicht weniger als 178 verschiedene Erwerbszweige geht er einzeln durch, die er in seine Stadt ziehen möchte. „Ich suche eine vollkommene Officine in allem, was nur Rahmen hat, zu haben“, sagt er einmal. Er erschöpft sich auch in Anerbietungen zur Unterstützung  der verschiedenen Gewerbe und schlägt die verschiedensten Mittel vor. Das originellste ist die Einrichtung einer sogenannten Packkammer, welche er folgendermaßen erläutert: „Da nun also jeden Bürger im Aufnehmen zu bringen bedacht bin, so habe kein besser Mittel erfinden können, als eine Packkammer aufzurichten, das, wan einer was verfertiget, und es nicht so gleich absetzen kan, ihm aus der Packkammer nach gerechten Preiste alles und jedes abgekaufft werde mit baarem Gelde, wor zu ein Casse von 100000 f. anzulegen  bereit  bin, damit fleißige Leute nicht Ursach haben, müssig zu gehen, wie bereits mit  einem Lauten- und vortrefflichen Violinmacher den Anfang gemacht, das er so viel verfertigen soll, wie er kan, mir es alsdan abliefern, so wird sowol diesen, als allen Hantwercker und Künstler geholffen sein; solte sich einer finden, der da Belieben trüge,  solche Packkammer selbsten zu halten oder zu miechten, wird frey gegeben.“
Von den einzelnen Manufakturen empfiehlt er zur Einführung die Goldmanufaktur, welche in der ganzen Gegend nicht gefunden werde, so daß selbst die Kaufleute aus Warschau, Reußen, Groß- und Kleinpolen dieserhalb nach Leipzig, Breslau und Berlin reisen müßten; ferner die Zuckermanufaktur, die man hier noch gar nicht und in Deutschland an wenigen Orten habe. Er erzählt, daß vor einiger Zeit ein englischer Officier bei ihm gewesen sei und ihm die Anlage einer solchen angeboten habe. Damals habe er es gering geschätzt, später aber besser erwogen und eingesehen, daß man gerade hier Gelegenheit habe, das Zuckerrohr zu Wasser oder durch einen Kanal zuzuführen. Auch die Anlegung einer Stärkefabrik hält er für wünschenswerth, ebenso die einer Seifensiederei. Für die letztere sagt er einem Unternehmer, der sich bei ihm melden würde, einen Vorschuß zu, auch erklärt er sich bereit, es halbpart mit ihm zu versuchen, da es nirgends als in Danzig, Elbing  und Königsberg ein solches Etablissement gäbe. Ebensowenig befände sich eine Tabaks-Manufaktur in der Gegend, so daß die Anlegung profitabel wäre. Von der Brantwein-Brennerei wird allerdings nicht in Abrede gestellt, daß sie auch an anderen Orten geübt werde, jedoch auf einen größeren Absatz als anderswo Hoffnung gemacht und die Pacht derselben oder auch eine Halbpartwirthschaft mit dem Grundherrn angeboten. Für jemanden, der eine Spiegel-Manufaktur anlegen will, wird eine Abgabenfreiheit von 6 Jahren in Aussicht gestellt. Der Abschnitt über die Manufakturen schließt mit kurzen Empfehlungen zur Anlegung einer Kupfermühle, einer Pulvermühle, Glasmanufaktur und Schleifmühle. Die Ausführung der Einzelhantirungen, welche in der Stadt lohnende Bethätigung finden könnten, beginnt mit den gelehrten Berufen des Arztes, Apothekers, Feldscheers und Baders, während eines Rechtskundigen nirgends Erwähnung gethan wird. Für den Arzt empfiehlt er die Anfertigung von Medizin-Kästchen auf Hallische Art, von dem Feldscheer verlangt er, daß er die Anatomie verstehe und dabei ein Praktikus sei, denn es befänden sich in der Gegend mehrere, die nicht viel gelernt, so daß man sich lieber eines alten Weibes als eines solchen bediene. Für die anziehenden Bader will er 2 Badestuben bauen, so wie eine dritte für den Adel bestimmte mit großen Vorhängen einrichten lassen und ihnen dieselben vermiethen. Zu den Kunsthandwerken übergehend, wünscht er nicht nur Goldschmiede, Uhrmacher, Färber, Porzellandrucker (die auf Leinwand drucken), sondern auch Maler, von denen er annimmt, daß sich der großen Nachfrage wegen mehr als 4 daselbst erhalten könnten, so wie Bildhauer, die nicht allein in den umliegenden Klöstern vieles zu thun hätten, sondern bei der Grundherrschaft selbst über 4 Jahre reichlich leben könnten, ferner auch Goldschläger und Sticker und schließlich Kupferstecher, denen er Stadt und Gegend in der folgenden originellen Weise empfiehlt: „Kupferstecher werden alhier gar selten zu fünden sein, und desfals so viel Kupferstiche anderwerts gemachet werden, als Breslau, Augsburg, und doch sind fast alle Pollnische S’taedte, sie mögen so gut sein wie sie wollen, mit befestigten Schlösser, schone gemaurte Kirchen in die Vergessenheit, aus Mangel eines Kupferstechers, alle Thaten, Lustbahrkeiten, Anleitung zu Wasserkünste, zu Gartens auch nicht zu finden. Wie viel 1000 Magnaten und grosse Häupter sind nicht gestorben, da man sie weder in Portraei noch Kupffer gesehen, hielten sich solche Leute an Ortern auf, wor viel Herrschafften wären, so wurde es auch vor ihnen besser seyn; den kein Kauffman wird sein Portraet nicht stechen lassen, noch eine Kauffmansfrau sich erkühnen wird, in ihren Habit durch den Kupfferstecher abbilden zu lassen, hingegen ein Cavelier und eine Dame ist begierig, in der Welt bekant zu werden. Mehrers will nicht gedencken, was dergleichen Sachen etzliche Bogen schreiben konte; es mus die alte Welt curiöser gewesen seyn, weil selber viele Portraei von Helden in einem Buch habe, allein jetzo mehrentheils legen sich die Handwercker auf der faulen Banck, worzu sie die gröste Gelegenheit in einer grossen Stadt haben.“
Es folgen dann die zahlreichen Abschnitte über die eigentlichen Handwerker, beginnend mit den Fleischern, Bäckern und Pfefferküchlern, welch letztere darauf aufmerksam gemacht werden, daß der gemeine Mann daselbst, wenn er Brantwein trinke, Pfefferkuchen esse, welcher hart sein, wie Glas zerspringen und sich mürbe zerbeißen müsse, während der Adel beim Branntwein Thorner Pfefferkuchen, welcher sich ganz weich schneiden lasse, genieße: eine Landessitte, welche sich bis in die Gegenwart erhalten hat. Büchsenschmiede sollen durch die Aussicht angelockt werden, daß der Grundherr gesonnen ist, ein Zeughaus zu bauen, wo ein jeder Bürger seine fertige und wohlgeladene Flinte auf den Wänden numerirt parat haben soll, wogegen Terzerole in der Stadt nicht geduldet werden sollen und ohne speziellen Befehl der Grundherrschaft nicht angefertigt werden dürfen. Den Buchdruckern, welche sich bei ihm ansiedeln wollen, räth er, die alten polnischen Bücher, „die mit den deutschen Buchstaben übereinkommen“ (d. h. in Fraktur gedruckt sind) und nunmehr fast vergessen und verloren gegangen, aufs neue zu drucken, er selbst wolle dafür Sorge tragen, sie aufs neue zu verlegen; den Buchbindern wird versprochen, daß alles in Samotschin Gedruckte sogleich auch dort gebunden und auch von ihnen vertrieben werden soll. Die Zinngießer werden darauf hingewiesen, daß sich viele Welsche aus Mailand und Savoyen im Lande umhertreiben, welche mit Zinn hantiren und die Leute dadurch betrügen, daß sie es mit Blei vermischen, so daß keiner sich rühmen könne, aufrichtiges“ Zinn im Hause zu haben: wenn solche Herumtreiber ihr Brot finden, so würden wohl rechtschaffene Leute dasselbe bekommen können. Von den Schneidern, von denen er meint, sie könnten am leichtesten kommen, da man ihr Handwerkszeug nicht mit dem Fuhrwagen zu führen brauche, verlangt er, daß sie stets fertige Arbeit in Vorrath haben, und daß man bei ihnen für Bezahlung gleich fertige Kleider anziehen könne. Den Strumpfwirkern empfiehlt er das Beispiel der Leute in Italien und Tyrol, die, wenn sie gehen, wenn sie stehen, wenn sie lachen, wenn sie Wasser auf dem Kopf tragen, immer ihr Strumpfwirken verrichten und mit den Händen arbeiten, „wodurch die armseeligste Leute sich capable machen, nicht anders als gutten Wein zu trincken“. Die Töpfer werden davon in Kenntniß gesetzt, daß durch französische Erdbohrer in 12 Ellen Tiefe Thon (die Schrift sagt Leim) gefunden worden sei, Vogelsteller werden auf die Menge der in der Luft fliegenden Vögel, Fischer auf den Netzefluß aufmerksam gemacht; der dritte Theit der von ihnen gefangenen Fische soll ihr Eigenthum bleiben. Für die Steinhauer führt er einige interessante Thatsachen aus seiner Erfahrung über großpolnische Steinbrüche an. Bei Samotschin habe er selbst 3 Steinbrüche gefunden und noch andere bemerkt, in Posen an dem Berge bei St. Leonhard habe er in einer kleinen Tiefe einen wirklichen Steinbruch von einer feinen Materie erblickt, bei Usch seien von ihm die Berge visitirt und Steinbruch gefunden worden; aber es sei niemand vorhanden, der das geringste daran thun wolle, obwohl die schönste Gelegenheit da sei, den Sand in den Abgrund herunter zu stürtzen und den Steinbruch offen zu legen. Als der Graf Bninski, Kastellan von Kowal, sein Palais in Samostrzel gebaut, habe er sich einen erfahrenen Mann bis aus Krakau holen lassen, derselbe habe zwar zunächst nur groben Sandstein gefunden, habe aber nicht abgewartet, ob der Stein in größerer Tiefe nicht besser wurde, sondern dem „Lumpenhund“ sei nach der Mutter bange geworden, und es habe ihn gereuet, und so „liegen die Sachen bis heut in der Erde begraben, und niemand ist oder will sein Autor von guten Sachen um den Mangel gutte Leute“. Auch Gipsgießer werden auf günstiges Rohmaterial in der Nähe hingewiesen, welches, die Tonne zu einem Speciesthaler, bei dem Herrn Bojanowski 2 Meilen von Samotschin zu bekommen sei 13). Orgelbauer sollen durch die Nachricht angelockt werden, daß in der Gegend verschiedene Orgeln im Werthe bis zu 20000 Thalern gebaut worden seien, und die Bernhardiner in Posen mit schweren Unkosten eine solche aus Troppau in Schlesien hergeschleppt hätten.
Auffällig mag es erscheinen, daß in unserer Schrift nicht ein besonderer Nachdruck auf das Handwerk der Tuchmacher gelegt wird, weil dies gerade in späterer Zeit die Hauptnahrung der Bürgerschaft ausmachte. Der kurze den Tuchmachern gewidmete Abschnitt lautet: „Jedem wird bewust sein, das gantz groß Pohlen eine Schaffprovinc genennet kan werden, auff einer Seite des Flusses bey Szamoscin 2 schärrige Wolle, auf der andern Seite lauter einscheeriger Wolle zu handeln ist, jeder kluger Mann kan die Commoditaet dar aus ergründen.“ Es folgt dann noch eine ziemlich nichtssagende Bemerkung über die Tuchscherer, so wie für die Weber ein Hinweis auf Zittau und noch 6 andere Städte, wo 80000 Menschen von der Weberei leben und reichlich ihr Brot hätten; „hier – fährt er einladend fort – schreib ich kein Maß vor, so viel daß ihrer belieben wird, diesen Winckel des Welts zu besitzeu, gar nicht abgünstig bin“.
Die Schrift schließt mit der bloßen namentlichen Aufzählung einer großen Reihe von Handwerken, welchen empfehlende Bemerkungen nicht mehr zugefügt sind, und mit einem abschließenden Hinweis auf den erstrebten Zweck in den Worten: „Dieses sind also diejenigen, welche nicht beschrieben, da man mehrers beschäftiget ist, wünsche also dem Leszer, absonderlich der da Lust hierzu bezeige, sich balde zu resolwiren; es wirdt gewiß ein jeder die gröste Erkentlichkeit davor mir wissen und hat sich alles von mir zu versichern, was seyn könne.“
Freilich kann man sich kaum verhehlen, daß die im Vorstehenden geschilderte starke Reklame für die Neustadt Samotschin zu dem gewünschen Erfolge doch nicht geführt hat. Der Ort war, als er 1772 unter preußische Herrschaft kam, sehr unbedeutend und zählte nur 312 Einwohner.
Man darf sich wohl der Hoffnung hingeben, daß in der Zukunft sich noch andere Blätter und Schriften finden werden, welche in diesen Kreis hineingehören. Daß die besprochenen Stücke nicht die einzigen ihrer Art gewesen, sondern nur zufällig übrig gebliebene Zeugen einer vielfach geübten Gewohnheit sind, dürfte nicht zu bezweifeln sein 14). Jedes dieser Blätter aber ist ein werthvolles und unwidersprechliches Zeugniß dafür, wie hoch deutscher Fleiß und deutsche Zuverlässigkeit damals im Auslande geschätzt wurden, und daß die deutschen Ansiedler des 17. und 18. Jahrhunderts ebenso wie die des Mittelalters in Polen nicht sowohl geduldete, als gerufene und willkommene Gäste waren.
1) Flatau.
2) Krojanke.
3) 1652 ist in dieser Druckerei die Grabrede auf Anna Grudzinska geb. Koscielecka  gedruckt  worden. Lukaszewicz, „Historisch-statistisches Bild der Stadt Posen“. Bd. II S. 31.
4) Nach Hanow, „Geschichte der evangelischen Kirchen in Lobsens“. Bromberg 1853 S. 38 heißt allerdings der damalige Pastor zu Lobsens Nicolaus Laurus, den gleichen Namen geben die Kirchenbücher.
5) Die Urkunde ist vollständig abgedruckt als Beilage der Mittheilung von Kohte, „Urkundliches zur Geschichte der evangelischen Pfarrkirche in Bomst“, in der „Zeitschrift der Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen“, Bd. X, S. 147 f.
6) “… productas coram nobis esse literas consensus per generosum Zegocki, capitaneum Babimostensem et Broccensem, Germanico idiomate scriptas manuque ejus die 15. Aprilis 1652 subsciptas pro erigendo et conservando templo incolis oppidi Babimostensis, Augustanac confessionis datas…” Auch diese Urkunde ist abgedruckt in der Zeitschrift der Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen“, Bd. X, S. 148 f.
7) Eine Urkunde der Stadt Rakwitz vom Jahre 1672 (Staats-Archiv.Posen Dep. Rakwitz A.2) bietet ein Beispiel, daß auch ein eigentliches von dem Grundherrn ausgestelltes polnisches Stadtprivilegium in seiner Einleitung eine Art Aufmunterung für Kolonisten enthalten kann. Christoph Grzymultowski, Kastellan von Gnesen, urkundet hier: („.. in der Absicht bei dem Dorfe Rakoniewice mit göttlichem Beistande ein Städtchen Freistadt anzulegen, gebe ich allen, welche sowohl von der polnischen als auch der deutschen Nation sich dort anzusiedeln Willens wären, das gegenwärtige Recht, welches ich ihnen in allen Punkten zu halten verspreche und für meine Nachfolger bürge“). Es folgt hierauf die Aufzählung aller Rechte und Pflichten der Bürger, beginnend mit der Zusicherung der freien Ausübung des evangelischen Bekenntnisses.
8.) Die Einleitung derselben beginnt: „Da untern 6. Febr. dieses lauffenden Jahres durch einen Druk einer neu aufbauenden stadt Szamocin, wie auch einen neben dabey ligenden Werder, auch unterschidlichen Ortern bekanntmachen lassen, und sich hier auch schon allerlei Handwerker und Landleute gemeldet“.
9) Ungedruckte Urkunde im Königlichen Staatsarchiv zu Posen Rel. Kcyn. 1753-1754 Bl. 513.
10) Der Sohn des Leo Raczynski, Philipp, heirathete seine Kusine, die Tochter des Generalstarosten Kasimir Raczynski. Aus dieser Ehe entsprossen Eduard und Athanasius Raczynski, von denen der erste die Bibliothek zu Posen, der andere die bekannte jetzt in Berlin befindliche Bildergallerie gegründet hat.
11) Nach der ganzen, 24stündigen Uhr. 10 Uhr würde etwa unserem 5 Uhr Morgens entsprechen.
12) Abort
13) Gemeint ist wohl Nicolaus von Bojanowski, Besitzer der Güter Szczepice, Kuspit und Rostrzembowo bei Exin.
14) Auch die Stadt Posen hat, als sie nach den Verwüstungen des nordischen Krieges ihre Stadtdörfer neu besiedeln wollte, Avertissements deshalb erlassen und darin den Kolonisten Freijahre versprochen. Bär, „Die Bamberger bei Posen“, in der „Meyerschen Zeitschrift für Geschichte und Landeskunde der Provinz Posen“.

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Ergänzung Nr. 3 zum Artikel:

„Die historischen Grundlagen für das Deutschtum im Posener Lande“

Aus: „Ostdeutscher Heimatkalender“ 1928, Seite 97-98

Von Geh. Archivrat Prof. Dr. Adolf Warschauer

Auszug aus einer größeren Arbeit des Verfassers, die 1919 während der Versailler Friedensverhandlungen ver­öffentlicht worden ist.

Das Deutschtum im Posener Lande begründet seinen Anspruch auf seine heimständische Stellung mit der Tatsache, daß immer wieder gewaltige Ströme deutscher Kolonisten hineingeflossen sind und Keime einer umfassenden Kulturtätigkeit hinterlassen haben, deren Früchte auch noch in der Gegenwart klar erkennbar sind.
Die erste Epoche dieser Kolonisation, die mittel­alterliche, ist von allen die bedeutendste. Sie bildete im Posener Lande nur einen kleinen Teil dieses groß­artigsten aller kolonisatorischen Unternehmungen, durch die das deutsche Volk dem slawischen Osten Europas den Überschuß seiner Kräfte abgab und ganze Landschaften, wie Pommern, Preußen, Schlesien usw. germanisierte, andere aber mit deutschen Ele­menten durchsetzte. Zuerst kamen die deutschen Geist­lichen als Missionare des jungen Christentums, dann die Klosterleute besonders vom Orden der Zisterzienser, die sich mit Vorliebe in sumpfigen Niederungen festsetzten und sie urbar machten.
Unter dem Schutze der deutschen Klöster siedelten sich deutsche Bauern an. Bei jeder Klostergründung setzte der Stifter voraus, daß sie „neue Menschen“ herbeirufen werde. Später wurden solche deutschen Dörfer auch von weltlichen Größen angelegt. Im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts entstanden die ältesten Städte, wobei sich die Deutschen gewöhnlich gesondert neben den alten slawischen Niederlassungen anbauten, deren Namen sie häufig in einer verdeutschten Form übernahmen; so nannten sie Poznan Posenau, Inowraclaw Jung-Leslau, Miedzyrzecz Meseritz. Die älteste städtische Kolonialanlage wurde neben der alten Landeshauptstadt Gnesen erbaut. Posen wurde 1253 gegründet, in demselben Jahr Schrimm, etwa zur gleichen Zeit Fraustadt. Die Glanzzeiten der Städtegründungen waren die Jahre 1250 -1270. Man zählt etwa 60 Städte im Posener Lande, die damals gegründet worden sind.
Unter Kasimir dem Großen folgte dann im 14. Jahr­hundert eine Nachblüte der Städtegründungen; zu den damals entstandenen Städten gehört Bromberg, das zunächst den Namen Königsburg erhalten sollte (1346). Der Grundriß, nach dem diese Kolonialanlagen gebaut wurden, war überall der gleiche: Der viereckige Marktplatz mit den regelmäßig vom Markt aus­gehenden Straßen, bei kleineren Anlagen steckte man einen längeren Marktplatz ab und ließ in die Schmal­seiten die beiden Hauptstraßen einmünden. Auch die Rechtsform der deutschen Ansiedlungen war überall die gleiche: Ein Unternehmer führte die Deutschen herbei und schloß mit dem Grundherrn einen Vertrag über die Bedingungen der Ansiedlung ab. Die wich­tigste Bestimmung war immer die Befreiung vom Polnischen Recht und die Zusicherung für die Kolonisten, nach deutschem Magdeburger, auch Kulmer Recht leben zu dürfen. Wo Polen sich mit den Deutschen zusammen ansiedelten, nahmen auch sie das deutsche Recht an. Zu einer nationalen Kommunalverfassung hat es das polnische Recht überhaupt nicht gebracht. Deutsches Recht war in Polen mit Bürgerrecht und Bürgerfreiheit gleichbedeutend. Der Gewinn, den das Land von der ganzen Kolonisationsarbeit davontrug, war unermeßlich groß. Es lichteten sich die Wälder, die Sümpfe wurden aus­getrocknet, in den neu gegründeten Dörfern saßen Bauern, die der einheimischen Bevölkerung Lehrer eines intensiveren landwirtschaftlichen Betriebes wurden. In den Städten blühten Handel und Handwerk empor.
Als im 14. und 15. Jahrhundert unter dem Ein­fluß der Kriege mit dem Deutschen Orden der nationale Gegensatz zwischen Deutschtum und Polentum sich verschärfte, hörten die Einwanderungen aus Deutsch­land auf. Im Zeitalter der von Deutschland aus­gehenden Reformation, die sich auch im Posener Lande Anhänger erworben hatte, fanden deutsche Ein­wanderer wieder willig Aufnahme. So weist das Bürgerbuch von Posen aus den letzten Jahren des 16. Jahrhunderts 424 neue deutsche Bürger auf, in Punitz  wurden in dieser  Zeit 121 deutsche  Bürger aufgenommen. Im Jahre 1547 gründete ein polnischer Großgrundbesitzer, Naphael Leszczynski, wieder eine Stadt zu Magdeburger Recht, nämlich Lissa, für Deutsche,  die aus Schlesien herangezogen, und zwar baute er sie genau nach dem Grundplan der mittel­alterlichen Kolonialstädte. Noch mächtiger war die Einwanderung im 17. Jahrhundert. Die Einwanderer kamen aus Pommern, Brandenburg und besonders aus Schlesien, wo überall der Dreißigjährige Krieg seine zerstörende Wirkung ausgeübt hatte, während das Posener Land noch völligen Frieden genoß. Kamen sie in größerer Menge auf einmal, so bauten sie sich besondere Städte neben die alten nach demselben Lageplan wie  diese. So sind zahlreiche Neu- und Nebenstädte im Posener Lande entstanden, wie in Fraustadt, Jutroschin, Tirschtiegel, Grätz, Rogasen, Zduny usw., wo überall diese von deutschen Kolonisten gegründeten Städte neben den alten lagen. Der Eifer der polnischen  Grundherr­schaften, deutsche Ansiedler heranzuziehen, ging so weit, daß sie gedruckte deutsche Werbeblätter in den deutschen Nachbarlanden vertreiben ließen. So wurden im Jahre 1638 allein fünf solcher Städte gegründet: Rawitsch, Obersitzko, Kähme, Schwersenz und Bojanowo. Dazu kamen später noch Schlichtingsheim, Zaborowo, Kempen, Unruhstadt usw., hier waren fast ausschließlich vertriebene evangelische Schlesier die Ansiedler. Wie im Mittelalter, ging Hand in Hand mit der bürgerlichen, auch eine bäuer­liche Einwanderung einher, die zunächst den Norden der Provinz, das Netzetal  und den Nordosten, später erst den Süden und die Mitte des Landes traf. Sie schuf  wieder einen kräftigen, freien, auf bestimmte Kontrakte angesetzten Bauernstand im Lande. Von besonderem wirtschaftlichen Wert waren die zahl­reichen sogenannten Hauländereien freiheitlich organi­sierte holländische und deutsche Bauernschaften, die die Brüche austrockneten und die Wälder rodeten, um für ihre Ansiedlungen Platz zu schaffen. Im Posener Lande entstanden etwa 400 solcher Ansiedlungen.
Eine neue Periode der Befruchtung des Posener Landes durch deutsche Kultureinflüsse und deutsche Einwanderungen setzte mit dem Übergang des Landes unter die preußische Herrschaft ein. Friedrich der Große, der 1772 mit Westpreußen auch den nörd­lichen Teil der Provinz Posen, den Netzedistrikt,     in Besitz nahm, hat einen großen Teil seiner landes­väterlichen Fürsorge in den letzten Jahren seines Lebens diesem Lande gewidmet. Zunächst wollte er die deutschen Bauern, die er aus der Mark, der Pfalz, aus Schlesien und Thüringen heranzog, mit den polnischen „melieren“, weil er hierdurch einen unter­richtenden Einfluß der Deutschen auf die Polen er­hoffte, später zog er es vor, geschlossene deutsche Dörfer gewissermaßen als Musteranlagen zu be­gründen. Auch in den Städten kolonisierte er durch Heranziehung deutscher Handwerker und Gewerbe­treibenden; so hat er allein in dem kleinen Strelno 40 deutsche Familien angesetzt.
Als 1793 auch der Nest der Provinz Posen an Preußen fiel, gingen seine Nachfolger auf den von ihm vorgezeichneten Bahnen weiter; 1802 wurde so­gar ein preußisches Werbebüro für Kolonisten aus Süddeutschland, die nach Südpreußen übersiedeln wollten, in Crailsheim errichtet. Auch während des ganzen 19. Jahrhunderts haben die Bestrebungen nicht  aufgehört, dem Lande aus Deutschland neue Arbeitskräfte zuzuführen.
Aus den angeführten Tatsachen ist unschwer historisch zu begreifen, daß in den westlichen und nördlichen Teilen der Provinz die deutsche Bevölkerung am dichtesten saß und zahlenmäßig die polnische erreichte, ja sogar übertraf: Es ist das Gebiet, in dem die deutsche mittelalterliche Kolonisation sich durch die Jahrhunderte hindurch national gehalten hat und durch den Zuzug aus Schlesien im 17. Jahrhundert eine neue Stärkung erfuhr. Es handelt sich hier um die Kreise Lissa, Fraustadt, Neutomischel, Birnbaum, Meseritz, Rawitsch, Bomst und Schwerin an der Warthe. Die nördlichen Kreise Filehne, Czarnikau, Kolmar, Wirsitz und Bromberg bildeten das Gebiet des Netzedistrikts mit einer bedeutenden Majorität der deutschen Bevölkerung, die teilweise der Kolonisation des 16. und 17. Jahrhunderts, teils aber derjenigen Friedrichs des Großen angehörte.
Aus dem gegebenen Überblick der deutschen Kolonisationsgeschichte ist es auch verständlich, daß das Deutschtum in den Städten stärker vertreten war, als auf dem Lande. Die Zählung von 1910 ergab in den Städten der ganzen Provinz 369000 Deutsche gegen 351000 Polen.

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Ergänzung Nr. 4 zum Artikel:

 „Ein Quellenwerk für die ostmärkische Geistesgeschichte“

Aus: „Ostmark-Archiv und Heimatmuseum“ 1927, Folge 1, S.1+2,

Bemerkungen zu den Lebenserinnerungen Adolf Warschauers. Von Dr. Franz Lüdtke.

An Geschichtsquellen von politischer Bedeutung ist für die ältere wie für die neuere Zeit die Ostmark nicht arm zu nennen; in Adolf Warschauers Lebenserinnerungen reiht sich ihnen ein für die ostdeutsche Kulturentwicklung des letzten halben Jahrhunderts bedeutsames Quellen­werk an. Mit ihm krönt unser hervorragendster Heimatforscher seine fast überreiche Lebensarbeit.
Für den Ostmärker und namentlich den Posener hat der Name und das Wirken Adolf Warschauers einen besonderen Sinn. Er weiß in dem unermüdlichen, stillen, bescheidenen, tiefschürfenden Archivar und Gelehrten den nie versagenden Walter und Verwalter der heimat­lichen Geschichte und ihrer Dokumente, den unbeeinflußbaren Wissen­schaftler, den treuen Sohn des nun entrissenen Warthe- und Weichselgaus und des weiten deutschen Vaterlandes. Wer Adolf Warschauer kennt, weiß, daß jedes seiner Worte den Wert eines unanfechtbaren geschichtlichen Zeugnisses besitzt. So ist sein umfangreiches Buch *) als eine kulturhistorische Quelle ersten Ranges zu würdigen. Wir dürfen  dankbar  sein, daß trotz schweren Leides und Leidens Warschauer uns dieses Werk schenkte, das um so unersetzlicher ist, als für unsere Heimat eine andere Darstellung der ge­schilderten Zeit nicht zur Verfügung steht. Daß auch der Gattin und getreuesten Helferin des Gelehrten unser Dank ge­bührt, weiß jeder, der die Entstehung seiner Erinnerungen kennt; ihr ist dies letzte große Werk Adolf Warschauers gewidmet. In 28 Kapiteln rollt eine Epoche ab, die vier, man kann wohl sagen fünf Jahrzehnte umfaßt: eine schicksalhafte Zeit, die uns blühendstes Geistesleben mit unabseh­baren Arbeitsmöglichkelten kultureller, zu­mal wissenschaftlicher Art beschert, um plötzlich, am Abschluß, mit einem politischen Niederbruch zu enden, angesichts dessen der Verfasser schweigend die Feder aus der Hand legt. Am 13. Oktober 1855 wurde Adolf Warschauer in Kempen geboren; mit Genugtuung berichtet er, daß die Vaterstadt in einer von ihm aufgefundenen Urkunde von 1360 neben dem polnischen Namen „Kempno“ auch den deutschen „Langenfort“ trug, „ein sicheres Zeichen dafür, daß sie im Mittelalter eine bedeutende deutsche Einwanderung erhalten hat“.
Er besuchte das Elisabethgymnasium in Breslau und blieb dieser Stadt auch während seiner ganzen Universitätszeit treu. Neben Weinhold, dem Germanisten, Gierke, dem Rechtsgeschichtler, Bren­tano, dem Volkswirtschaftler, und Dilthey, dem Philosophen, wurden die Historiker Roepell und Caro, die gemeinsamen Verfasser der großen, fünfbändigen Geschichte Polens, von Be­deutung für ihn. 1881 erwarb Warschauer die Doktorwürde, bereits 1882 wurde er durch Heinrich v. Sybel an das Posener Staatsarchiv berufen. Da­mit begannen jene dreißig Jahre, die er selbst „in Aussaat und Ernte die fruchtbarsten seines Lebens“ nennt. Nun gleiten die Persönlichkeiten und Ereignisse dieser Zeit lebens­voll vorüber; die ganze Geistigkeit der damaligen Provinzialhauptstadt steht greifbar vor uns da. Wir lernen die deutschen wie die polnischen Gelehrten kennen, die wissenschaftlichen Institute und Organisationen, die Beamtenschaft von den wechselnden Oberpräsidenten bis zu den Archivdienern, die Bürger und Frauen Posens. Selbstverständlich steht im Vordergrund das Archiv und die aus seinem Schoß erwachsene historische Gesellschaft, deren landesgeschichtliche Forschungen und Veröffentlichungen („Historische Zeitschrift“, „Historische Monatsblätter“, Sonderveröffentlichungen) ein weithin sichtbarer Beweis für das pulsierende Geistesleben in der Ost­mark wurden. Warschauer, der die polnische Sprache erlernt hatte, durfte bald bei beiden als Mittelpunkt gelten.
Deutlich treten Persönlichkeiten wie die Archivdirektoren Endrulat und Prümers, die Oberpräsidenten v. Guenther, v. Zedlitz und Trützschler, v. Wilamowitz-Moellendorff und v. Bitter, die Oberbürgermeister Witting und Wilms oder ein Heimatforscher wie Stadtrat Kronthal vor uns auf. Wir erleben das Abflauen des Kulturkampfes, die Gesetze zum Schutze des Deutschtums im Osten, die Begründung der großen Kulturschöpfungen in der Provinz und, ihrer Hauptstadt: des Hyenischen Instituts, der Kaiser Wilhelm-Bibliothek, des Kaiser Friedrich-Museums, der Deutschen. Gesellschaft für Kunst und Wissen­schaft, endlich der Akademie, an der Warschauer den Lehrstuhl für Geschichte erhielt. Der Leser nimmt teil an wissenschaftlichen Kon­gressen, die Posen zum Tagungsort ge­wählt hatten, oder an dem Besuch Kaiser Wilhelms II. (1902), der den jubelnden Posenern die Auflassung des die städtische Entwicklung einschnürenden Festungs­gürtels verkündete. Wir erfahren die kulturelle Sonderstellung Brombergs und erhalten ein fesselndes Charakterbild seines ausgezeichneten Historikers, des als Mensch wie als Gelehrten gleich bedeu­tenden Professors Erich Schmidt. Hunderte und aber Hunderte von Persönlichkeiten des deutschen und insbesondere des heimatlichen Geisteslebens werden kürzer oder ausführlicher, aber stets deut­lich und scharf umrissen gezeichnet; auch zahlreiche Führer des späteren Deutschen Ostbundes und Mitarbeiter an seinen Veröffentlichungen finden wir in War­schauers Erinnerungen, so die Herren v. Tilly., Chefredakteur Ginschel, Archivrat Kupke, Baurat Dähne, Prof. Minde-Pouet, Prof. Lau­bert, Prof. Hoetzsch. Buchhändler Eulitz u. v. a. Interessant ist es, in diesem Nahmen das Entstehen und Fortschreiten der wissenschaftlichen Arbeiten Warschauers und seiner Freunde zu beobachten, beispielsweise wie oft ein äußerer Anstoß Grund zur Erfassung landesgeschichtlicher Ereignisse wird. Es ist hier nicht der Raum, auch nur die wichtigsten Ver­öffentlichungen aus dieser Zeit zu ver­folgen; genannt seien neben dem oft auf­gelegten „Führer durch Posen“ das Buch über die städtischen Archive der Provinz, verschiedene Stadtgeschichten. Studien über Heinrich Heines Aufenthalt in Posen, über alte Reklameblätter zur Heranziehung deutscher Kolonisten, über die Ostkoloni­sation und die Grundrißbildung ostdeutscher Städte, über Schillers Demetriusfragment sowie die Rauchschen Statuen im Posener Dom, dann die geschichtlichen Aufsätze anläßlich der Wiederherstellung des Posener Rathauses, die Festschrift über die deutsche Geschichtsschreibung in der Provinz Posen und die Geschichte Posens in polnischer Zeit.
Reisen nach Italien, Warschau und London wurden der ostmärkischen Forschung nutzbar gemacht; die Photographie tritt in ungeahnter Weise der Geschichtswissenschaft als Helferin zur Seite. Ein besonders fesselndes Kapitel widmete der Verfasser der Wieder­herstellung des Posener Rathauses und all den Kämpfen, die sich um dieses Geschehnis abspielten, bis 1913 durch den Kaiser die feierliche Einweihung vollzogen wurde. Bei dieser Gelegenheit hat Warschauer das Rathaus zum letzten Male betreten; bereits im Jahre vorher war er vom Generaldirektor Koser als Direktor an das Staatsarchiv in Danzig berufen worden. Der Abschied, den man ihm nicht leicht machte, wurde Warschauer durch die Gewißheit, sein Lebenswerk als ostmärkischer Historiker auch an der neuen Wirkungsstätte fortführen zu können, erträglicher gemacht. Die Dankbarkeit seiner Posener Landsleute aber zeigte, was der scheidende der Provinzialhauptstadt und ihren Menschen geworden war. Nur für drei Jahre war Warschauer ein Arbeiten in der auch ihn mächtig anziehenden Hansestadt vergönnt; doch er vermochte organisatorisch und wissenschaftlich Saat zu streuen und Frucht zu ernten. Wie in Posen, so widmete er sich auch hier, und zwar in vielfach stärkerem Maße, der Förderung des in Westpreußen noch darniederliegenden Volksbildungswesens. Wir begegnen den Männern, die in der Kulturarbeit des Weichsellandes zu nennen sind: dem Ober­präsidenten v. Jagow, dem Landeshauptmann Senff v. Pilsach, dem Bischof Rosentreter, den Kunsthistorikern Steinbrecht und Schmid, den Archivaren Kaufmann und Schottmüller, dem Professor Simson u. v. a. Auch der ausbrechende Welt­krieg ändert an dem Gang der Arbeiten nur wenig; eine besondere Note erhält sie durch die Maßnahmen zur Rettung der Archive für den Fall einer Beschießung der Stadt, durch die Sorge für die ostpreußischen Flüchtlinge und durch das Miterleben weltgeschichtlichen Geschehens allergrößten Ausmaßes. Im Herbst 1915 wurde Geheimrat Warschauer durch den General­direktor Kehr nach Warschau zum Schutz und Studium der dortigen Archive berufen. Nun folgt die anziehende Schilderung der Menschen und Verhältnisse, die für die nächsten drei Jahre den Lebens­- und Schaffensrahmen Adolf Warschauers gebildet haben. Reich und immer reicher gestaltete sich die Arbeit, unterstützt von dem für jede Geisteskultur empfänglichen Generalgouverneur v. Beseler, von dem Referenten für das Kirchen- und Schulwesen Graf v. Hutten-Szapski, gefördert auch von einheimischen Persönlichkeiten wie dem Grafen Krasinski, dem Besitzer der größten Privatbibliothek und Handschriftensammlung Warschaus. Friede im Krieg ! Der Deutsche zerstört nicht, er hegt und pflegt, was die anderen gefährden oder verkommen lassen. Auch Warschauer hat seine Aufgabe, die von den Russen hüterlos zurückgelassenen Archive zu betreuen, restlos gelöst, so daß auch die Polen ihre Anerkennung nicht versagen konnten. Eine Würdigung der deutschen Archiv-Verwaltung während der Besatzung hat 1922 der Posener Archivdirektor Dr. Kaczmarcyk veröffentlicht, in der er ihr und insbesondere auch Geheimrat Warschauer die Anerkennung erfolgreichen und wahrhaften Beschützertums zollt.
Mehr als in den früheren Kapiteln tritt naturgemäß in diesen Jahren das politische hervor, auch wenn es niemals die Haupt­angelegenheit in Warschauers Erinnerungen bildet. Wir werden Zeuge der mannigfachen Verhandlungen über die Ausgestaltung des polnischen Staates, erfahren, daß der Kaiser bereits vor Kriegsausbruch den Entschluß der Schaffung eines selbständigen Königreichs Polen gefaßt hatte, wohnen der Unabhängigkeitserklärung bei, erleben das tausendfache Kommen und Gehen von Militärs, Künst­lern, Gelehrten, endlich der plötzliche Niederbruch und das jammervolle Ende dessen, was durch deutsche Tatkraft geschaffen worden war. Dieses Geschaffene ist nicht verloren, so wie kein geistiger Wert verloren gehen kann, hat Geheimrat Warschauer auch – und das ist der tragische Abschluß seines Lebens – in hohem Alter die Heimat verlassen müssen: das Werk, das er an der Heimat und für die Heimat getan, ist unvergänglich. Nicht nur die ältere Geschichte der Ostmark ist durch seine Forschungen aufgehellt, auch das letzte halbe Jahrhundert, an dessen Gestaltung er tagaus, tagein mitwirken durfte hat in seinen „Erinnerungen“ die meisterhafte und objektive Behandlung gefunden, so daß er, der immer wieder die Quellen der Landesgeschichte zu prüfen berufen war, hier selber ein Quellenwerk geschaffen hat, an dem die späteren Bearbeiter der ostmärkischen Landesgeschichte nicht vorübergehen können.
*) „Deutsche Kulturarbeit in der Ostmark. Erinnerungen aus vier Jahrzehnten“. Von Geh. Archivrat Prof. Dr. Adolf Warschauer, Archivdirektor a.D. Mit einem Porträt des Verfassers. Berlin 1926 Verlag von Reimar Hobbing. 324 Seiten.

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Ergänzung Nr. 5 zum Artikel:

„Adolf Warschauer als Lehrer.“

Aus: „Ost-Archiv und Heimatmuseum“ 1931, Nr.1. S.3+4,

Erinnerungen von Studienrat Walther Hämpel.

Von 1903 bis 1912 war Warschauer, damals Archivrat bzw. Geh. Archivrat am Posener Archiv, als Professor für Landesgeschichte an der Königlichen Akademie zu Posen, bei deren Zustandekommen er mehrfach bedeutungsvoll beteiligt war, tätig. Bestand er auch mit vielen andern zuerst auf der Forderung einer Volluniversität, da er die Befürchtungen, die man in Berlin in politischer und nationaler Hinsicht für eine solche hegte, nicht teilte, vielmehr in dem Abdrängen polnischer Studenten an die urpolnische Universität zu Krakau mit Recht Schaden für das deutsche Reich ahnte, so kam er doch später zu der Erkenntnis, daß die Art Volkshochschule im Sinne Althoffs, die die Posener Akademie darstellte, mehr für das ostmärkische Deutschtum leistete, als eine Zwerguniversität  Posen jemals hätte tun können. An der Akademie durfte Warschauer seine volle Tätigkeit als Lehrender entfalten. Die Vorträge, die er ab und an bei  verschiedener Gelegenheit und auch an verschiedenen Orten gehalten hatte, waren nur eine schwache Vorstufe zu der 1903 beginnenden planmäßigen Lehrer- und Erzieherarbeit an Hunderten und Tausenden bildungshungriger und begeisterungsfähiger deutscher Volksgenossen im Osten. Von 1910 bis 1912 war ich als Teilnehmer an dem Wissenschaftlichen Kursus für Seminarlehrer sein Schüler, und diese Zeit sorgen- und unterrichtsfreier, verantwortungsbewußter Jahre hat sich mir un­vergeßlich eingeprägt. Von der Memel und vom Rhein, von der Weser und der Weichsel, von der Oder und der Elbe, vom Main und von der Spree hatten wir uns am Ufer der Warthe zusammengefunden, Vertreter fast aller preußischen Provinzen, im Lebensalter zwischen 26 und 42 Jahren, alle seit Jahren oder gar Jahrzehnten unterrichtlich tätig. Der Kursus wurde so eingerichtet, daß eine Anzahl von Vor­lesungen allgemein verbindlich, andere Fächer wahlfrei waren. War­schauers Vorlesungen gehörten zu letzteren.
Als der schmächtige, zierliche Geheimrat im schwarzen Gehrock zum erstenmal das Katheder bestieg, da blickte mich ein westdeutscher Freund fragend an. Ich aber, der ich Warschauer aus zahlreichen Veröffent­lichungen in dem „Historischen Jahrbuch“ und den „Monatsblättern“ der „Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen“, deren Mit­begründer er gewesen, kannte, dachte: „Abwarten!“     Und schon in den ersten Stunden des gemeinsamen Arbeitens mit dem stillen, bescheidenen Gelehrten merkte jeder: „hier spricht nicht nur ein vollwertiger Professor, ein tiefgründiger Forscher, ein tüchtiger Pädagoge, sondern auch ein Mann mit lauterem und reinem Herzen, ein edler Charakter zu uns!“
Trotzdem Warschauer alles hohle Pathos mied, empfand man doch in allen seinen Darbietungen die tiefe Liebe zur Heimat, die alles durchdrang und beseelte, die auch in unsere Herzen hinüberschlug und in ihnen die gleiche Flamme entfachte. Aus Heimatkenntnis erwuchs Heimatliebe und daraus der feste Entschluß zur Heimatpflege. Warschauer war sich ganz der Schwierigkeiten bewußt, die ihm gerade seine Aufgabe an der ihrer Heimat und ihrem Wirkungsort nach so bunt zusammengesetzten Kursistenschar bot. Aber er kam dar­über hinweg. Wie schon bei anderen Kursen begann er seine Arbeit mit einer Einführung in die Stadt Posen. Vom Staatsarchiv auf dem Schloßberge, dem alten Piastensitz, neben dem noch Reste der mittelalterlichen Stadtmauer vorhanden waren, folgten wir dem Verlauf der alten Umwallung. betrachteten in der Berg, und Marstallstraße die noch vorhandenen Wichhäuser und die andern Spuren der ehemaligen Stadtbefestigung und fanden die typische Form der deutschen Kolonialstadt von 1253 in dem Alten Markt und seiner Nachbarschaft wieder. Die Besichtigung des Doms und des Rathauses mit ihren zahlreichen geschichtlichen Erinnerungen bildeten vorerst einen gewissen Abschluß. Nachdem uns die Geschichte der Stadt Posen ein anschauliches Bild der alten deutschen Kultur der Landeshauptstadt übermittelt hatte, führte uns Warschauer in wahrhaft meisterlicher Weise an der Hand zahlloser Besuche, Pläne, Lichtbilder, Urkunden. Reklameblätter usw. in die große Bewegung des deutschen Mittelalters, in die Kolonisation des Ostens, besonders des Landes Posen, ein. Daran schloß sich ein Kursus über Propädeutik der historischen Heimatkunde. Gerade dieses Thema schien W. besonders wertvoll, wie er in seiner Selbstbiographie „Deutsche Kulturarbeit in der Ost­mark, Erinnerungen aus vier Jahrzehnten“ bekennt, da er auf Grund des Posener Materials eine neue Disziplin entstehen lassen wollte, die uns mit der Methode zur erfolgreichen Erteilung des heimatkundlichen Unterrichts im allgemeinen ausrüstete. Wir begannen mit einem Besuche des Kaiser-Friedrich-Museums und seiner vorgeschichtlichen Sammlungen, unternahmen auf den Höhen des Bogdankatales, nordwestlich von Solatsch, unter Leitung von Dr. Blume die Freilegung eines prähistorischen Gräberfeldes und be­suchten das Staatsarchiv mit seinem wertvollen Akten- und Urkunden­material.
Immer bildete die Landesgeschichte Posens das Rückgrat der Warschauerschen Darstellungen, da aber die Mehrzahl von uns aus andern Gegenden Deutschland stammte, so machte er uns mit der Organisation der landesgeschichtlichen Forschung in den einzelnen deutschen Gebieten, mit den wichtigsten allgemeinen Nachschlagewerken und literarischen Hilfsmitteln überhaupt bekannt. Er wies auf die Wichtigkeit alter Stadtpläne für die Entstehungsgeschichte der Städte hin, erläuterte den Altertumswert von Straßennamen, lehrte uns Schlüsse aus den alten Grabdenkmälern, den Rüstungen und Waffen der Ritter, den Gewändern der Bischöfe und den Trachten der Bürger ziehen, die Buchstaben- und Zifferformen alter Anschriften, die Datierungen der Urkunden früherer Zeiten, die Symbole der Heiligen verstehen. Wir blasonierten die Wappen, gingen den Stammbäumen der adligen Geschlechter nach und zergliederten Ahnentafeln. Denn von Anfang an legte W. allergrößten Wert auf die neben seinen Vorlesungen herlaufenden Seminarübungen, in denen ein Arbeits­unterricht im besten Sinne getrieben wurde. Prümers, der damalige Archivdirektor in Posen, Freund und Mit­arbeiters Warschauers, gestand, nachdem er einige Male solchen Übungen beigewohnt: „Man konnte seine Freude daran haben, wenn man sah, mit welcher Lust und Regsamkeit alle sich bestrebt zeigten, an der Lösung der ihnen gestellten Aufgaben sich zu beteiligen.“ W. selbst fand in dem Kursus das von ihm seit Jahren erstrebte Ideal einer Arbeitsgemeinschaft verwirklicht. Ernste Männer, von den Sorgen und Mühen der Berufsarbeit gelöst, voll Feuereifer wie junge Studenten, aber auch im Leben erprobt und durch unterrichtliche Arbeit methodisch geschult, überzeugt, daß das ihnen Gebotene und gemeinsam Geschaffene für ihre zukünftige Tätigkeit in der Schule den größten Nutzen für ihre Schüler bringen müsse, sahen zwei Jahre zu War­schauers Füßen. Der Kursus bildete den Abschluß der akademischen Lehrtätigkeit Warschauers. In den schon vorhin erwähnten Lebenserinnerungen urteilt W. über den Erfolg dieser Einrichtung: „Sie drängten sich zu Referaten und schriftlichen Ausarbeitungen, von denen ich manches zum Druck befördern konnte, und noch lange nach ihrer Rückkehr in ihren Beruf hörte ich wiederholt in Dankbar­keit von ihnen betonen, wie hoch sie die gewonnenen Anregungen und Belehrungen einschätzten.“
Ähnlich wie in unserem Kursus ging es auch bei den sonstigen Vorlesungen und Übungen Warschauers zu. Ein ständig wachsender Kreis von Geistlichen, Lehrern, Beamten, Offizieren, Deutschen und Polen, Juden und Christen fand sich zu ihnen ein. Keiner von uns versäumte auch diese Gelegenheit, W. außerhalb des Rahmens des Kursus zu hören. Was W. da in seinen Vorlesungen über die Geschichte des Landes Posen im Zeitalter der Schwedenkriege und aus der Zeit der polnischen Teilungen und Reformversuche bot, war im höchsten Maße Rühmenswertes. Hand in Hand mit den Vorlesungen wurden im historischen Seminar die Schrift des Amos Comenius über die Zerstörung Lissas ausgewählte Kapitel aus Voltaires Charles XII., soweit der Schauplatz des in ihnen geschilderten Geschehens in der Provinz Posen lag und Stücke aus den Memoiren Friedrichs des Großen über die Teilung Polens behandelt. Zu besonderer Lebhaftigkeit stieg die Debatte an, als Rousseaus geistvolle Schrift „Considerations sur le governement de Pologne“ und die darin stehenden Worte „Ihr Polen werdet nicht verhindern, daß die Nachbarn euch verschlingen; bewirkt, daß sie euch nicht ver­dauen können“, gelesen wurden. Akademiker und Nichtakademiker, Lehrer und Verwaltungsbeamte, Damen und Herren aus der Provinzialhauptstadt und der näheren und weiteren Umgegend lauschten Warschauers Worten und nahmen an den bewegten Auseinandersetzungen teil. Als Beauftragter der Deutschen Gesellschaft für Kunst und Wissen­schaft fand W. auch in den größeren Städten der Provinz eine dankbare Zuhörerschaft.
Keiner, der Rat suchte, klopfte bei ihm, der in liebenswürdiger Weise Auskunft erteilte, vergeblich an. Er wurde der lebendige Mittelpunkt, der Führer und Vorkämpfer der Posener Heimatgeschichte. Was hat W. als Lehrer so groß gemacht ? Wieder sei Prümers zunächst das Wort gegeben („Adolf War­schauer, ein Dankes- und Erinnerungsblatt bei seinem Scheiden aus Posen“): „Nicht glänzende Rednergabe lockte die Hörer, wohl aber die Art des Vortrags, die ruhige leidenschaftslose Schätzung der Dinge und Personen, die gleichmäßige Verteilung von Licht und Schatten. Nur die ungetrübten Quellen waren die Grundlage der Darstellung, und das Urteil war nie durch besondere Erwägungen politischer oder nationaler Rücksichtnahme gefärbt. Auch den etwas spröden Stoff der Provinzialgeschichte wußte Warschauer seinen Hörern nicht bloß schmackhaft, nein vielmehr zu einem erlesenen Genuß zu machen. Das konnte auch nur er, der von Beginn seiner Posener Tätigkeit an sich das Ziel gesteckt hatte, die Geschichte seines Arbeitsgebiets, zunächst wohl der Stadt, dann im Erfolge weiterschreitend des Landes Posen, unbeirrt durch die Tagesströmungen, aufzuhellen. Und dabei beschränkte er sich nie auf dieses enge Feld, er kannte eine Provinzialgeschichte nur im Zusammenhange mit der weiteren allgemeinen. Nicht zum wenigsten fesselte seine Hörer der Hinweis auf die Wechselwirkung der Beziehungen zwischen Polen und seinen Nachbarvölkern, zumal dem deutschen, dessen Kultur im Kampf und friedlichen Wettbewerb unserm Lande seinen unvergänglichen Stempel aufgedrückt hat.“
Die Erfolge Warschauers waren wesentlich bedingt durch die von ihm und andern vor- und nebenher geleistete archivalische und schrift­stellerische Arbeit. Es gelang ihm nach unendlicher Mühe und langen Verhandlungen, die in den Provinzstädten verstreuten, in unzulänglichen Räumen unter­gebrachten, manchmal recht stattlichen städtischen Akten und Urkunden­schätze ins Staatsarchiv hinüberzuretten und so einen Mittelpunkt der Heimatsforschung zu gewinnen. Seine Bücher und sonstigen Ver­öffentlichungen – ich erwähne hier nur die zahlreichen Einzelbilder oder Einzeldarstellungen aus der Geschichte Posener Städte auch in Tageszeitungen und Kalendern und nenne von seinen größeren Werken „Das Stadtbuch von Posen“, „Die städtischen Archive in der Provinz Posen“, „Die  Epochen der Posener Landesgeschichte“, „Die  deutsche Geschichtsschreibung in der Provinz Posen“, „Geschichte der Provinz Posen in polnischer Zeit“, „Geschichte der Stadt Gnesen“ – unter­stützten seine akademische Tätigkeit in glücklichster Weise oder er­gänzten sie nach 1912.
Nun ist Adolf Warschauer dahingegangen, er, der den Namen „des besten Kenners der Posener Landesgeschichte“, „des Altmeisters der ostmärkischen Geschichtsforschung“ mit Recht führte, der Mann, der als historische Rechtfertigung des deutschen Anspruchs auf Posen und Westpreußen außerordentlich wertvolles und umfangreiches Material zusammengetragen, der erfolgreiche Lehrer der Heimatkunde und Heimatliebe, der Mann, den einer seiner Danziger Mitarbeiter einen modernen „Nathan den Weisen“ genannt hat, ein Pionier des Deutsch­tums auch als Lehrer an der Akademie zu Posen.

 

 

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