Danke Victor Gollancz !

Zum 50. Todestag des britisch-jüdischen Humanisten und Verlegers Victor Gollancz
 gollancz-portrait
Victor Gollancz wurde am 9. April 1893 in London geboren. Aus Witkowo bei Gnesen in der preußischen Provinz Posen waren sein Großeltern Mitte des 19. Jh. nach London ausgewandert. Die Familie lebte nach jüdisch-orthodoxer Tradition, aus der er sich langsam löste und Philologie studierte. Im 1. Wk. meldete er sich freiwillig zur Armee, mußte aber wegen seiner schlechten Augen aus dem Dienst ausscheiden und arbeitete zunächst als Lehrer. Nach den Erfahrungen des Krieges engagierte er sich für sozialistische Ideale. Auch kritisierte er den sogenannten Friedensvertrag von Versailles.

Er machte im Benn-Buchverlag Karriere, gründete dann 1927 seinen eigenen Verlag, ein Sprachrohr für Sozialismus und Pazifismus und gegen den aufkommenden Faschismus.
Das NS-Regime in Deutschland fand natürlich die entschiedenste Ablehnung bei Gollancz. Als 1938 die Sudetenkrise sich zuspitzte, sprach er in England auf Unterstützungskundgebungen für den tschechischen Staat, obwohl auch er wußte, daß die Unrechtsgrenzen der Tschechoslowakei und das verweigerte Selbstbestimmungsrecht der Sudetendeutschen ein Produkt der Versailler Verträge war, die er ablehnte.
Seine inneren Zweifel bez. seiner pazifistischen Einstellung wurden von der Überzeugung überlagert, die Ausbreitung Hitler-Deutschlands müßte notfalls auch mit Gewalt gestoppt werden. Wenige Tage vor der Münchner Konferenz im September appellierte er in seinem „Left Book Club“ an die Mitglieder, sich auch als Soldaten in den Dienst zu stellen, falls dieser Krieg unvermeidlich sei. Doch das Kriegsziel sei die Zerstörung des faschistischen Systems, nicht die Vernichtung des deutschen Volkes.
„Der Fluch von Versailles darf sich nicht wiederholen“, schloss er seinen Aufruf.
Ein Jahr später begann der Krieg in dem Gollancz seiner Überzeugung im Sinne dieses Aufrufes treu blieb, wie es in mehreren Büchern und Schriften dieser Zeit zum Ausdruck kam. Seine Werke kämpften gegen den Strom der öffentlichen Meinung und begründeten seine moralische Reputation. Seine Wirksamkeit nach dem Kriege war die Konsequenz seiner Haltung während des Krieges.
Er litt unter den Nachrichten über die grauenhafte Tragödie des jüdischen Volkes im NS-Machtbereich wie auch unter den „Erfolgsmeldungen“ des alliierten Militärs, wieviele Tausend Tonnen Bomben auf einmal man nun wieder über deutsche Städte abgeworfen habe.
In seinem 1945 geschriebenen Buch „What Buchenwald really means“ wendet er sich einmal mehr entschieden gegen die Kollektivschuldthese, wie er es sein ganzes Leben lang getan hat.
In „Unser bedrohtes Erbe/ Our threatened values“ (1946) unterzieht Gollancz das Potsdamer Abkommen, die Annexion Ostdeutschlands, die Vertreibung der Deutschen aus den annektierten Gebieten und der Tschechoslowakei, ferner der Deutschlandpolitik des Westens und besonders die der östlichen Staaten einer vernichtenden Kritik !
Gollancz setze sich mit großer Energie dafür ein, im englischen Volk das Bewußtsein der moralischen Verantwortung für das Schicksal des besiegten Feindes zu erwecken, als die Stimmung gegen das deutsche Volk so schlecht wie nur denkbar war.
Er gründete mit einer Reihe angesehenster Männer Englands – unter ihnen den Philosophen Bertrand Russell -, die Organisation „Save Europa now“, zog von Versammlung zu Versammlung, schrieb Briefe an Medien und Politiker, ließ Plakate am Mauern anschlagen, appellierte an das sozialistische Solidaritätsgefühl der einen und die christliche Überzeugung der anderen.
Und so schlug die Stimmung um. Ein moralisches Prinzip hatte über Leidenschaften gesiegt.
1946 reiste er selber in die britische Besatzungszone Nordwestdeutschlands und schrieb anschließend das Buch  „Im dunkelsten Deutschland/ In darkest Germany“.
Eine Beschreibung der Lage des deutschen Volkes in der dunkelsten Zeit seiner gesamten Geschichte, der Zeit der Hungerkatastrophe, der Rechtlosigkeit, der Handlungsunfähigkeit und der fehlenden Selbstbestimmung, der Vertreibung und Ermordung der Millionen Ostdeutschen aus dem östlichen Drittel des deutschen Siedlungsgebietes, der Zerstörungen der Infrastruktur und des Wohnraumes (viele zerbombte Städte besaßen nur noch 10-20% der Vorkriegswohnraumes), des Raubes von Eigentum und Industrie-Demontagen durch die Alliierten und die Vertreiberstaaten und der Wehrlosigkeit und Hoffnungslosigkeit der Bevölkerung gegenüber diesen Katastrophen.
Das Ernährungs- und Unterbringungsproblem wurde durch Millionen in die Westzonen einströmenden ostdeutschen Flüchtlinge und Vertriebene ständig verschärft. In der britischen Besatzungszone erhielten die Deutschen nur rund 1024 Kalorien pro Tag.
Man muß allerdings hinzufügen, daß zu dieser Zeit auch in England selber die Nahrungsmittellage schlecht war. Gollancz brachte viele seiner Landsleute dennoch dazu, das Wenige mit den besiegten Deutschen zu teilen und ab Dezember 1946 erlaubte die britische Regierung endlich Nahrungsmittelspenden nach Deutschland zuzulassen.
Ein Freund Gollancz‘, der Publizist Robert Jungk, verfasste den Bericht „Aus einem Totenland“, http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecial/d-22937254.html  der sogar im britischen Unterhaus verlesen wurde. Dessen Reisebericht stammte aus Schlesien, hätte aber aus allen ostdeutschen Vertreibungsgebieten sein können, auch aus dem Sudetenland.
Gollancz beschreibt er die Situation sudetendeutscher Häftlinge in einem tschechischen KZ: „Sie lebten ohne Rücksicht auf Geschlecht und Alter in Hütten zusammengepfercht… Sie waren im Alter von 4 bis zu 80 Jahren. Jeder sah verhungert aus… Den empörendsten Anblick boten die Säuglinge…“.
„Sofern das Gewissen der Menschheit jemals wieder empfindlich werden sollte, werden diese Vertreibungen als die unsterbliche Schande all derer in Gedächtnis bleiben, die sie veranlaßt oder sich damit abgefunden haben … Die Deutschen wurden vertrieben, aber nicht einfach mit einem Mangel an übertriebener Rücksichtnahme, sondern mit dem denkbar höchsten Maß von Brutalität.“
Gollancz fasst seinen Erkenntnisgewinn über Benes in „Unser bedrohtes Erbe“ wie folgt zusammen:
„Wir hatten die Tschechoslowakei früher als anständig und tolerant angesehen, als einen Musterstaat der liberalen Demokratie. Und was geschieht heute? Ungeachtet seiner während des Krieges in London gehaltenen Vorträge hat Dr. Benes sofort nach seiner Rückkehr die fast ausnahmslose Massenvertreibung der gesamten Sudetendeutschen Bevölkerung eingeleitet. Augenzeugen haben mir die abscheulichen Grausamkeiten geschildert, mit denen die Vertreibung durchgeführt wird. Dass die (Sudetendeutsche Anm.) Arbeiterbewegung ihr Alles für die Bekämpfung des Nationalsozialismus gegeben hatte, gilt heute für nichts. Es scheint Dr. Benes ausdrücklicher Wunsch zu sein, sein Land von allen nichtslawischen Elementen ‚zu befreien‘. Einschließlich der Sudetendeutschen sind rund 14 Millionen Menschen von den Massenvertreibungen betroffen.“
Gollancz zitiert aus der Rede des tschechoslowakischen Informationsminister Kopecky im Juli 1945 in Reichenberg. Darin hieß es:
„Wir werden alle Deutschen vertreiben, wir werden ihren Besitz beschlagnahmen, wir werden nicht nur die Städte, sondern das ganze Gebiet entdeutschen. …so daß der siegreiche Geist des Slawentums das Land von den Grenzgebieten bis ins Innere durchdringen wird.“
Aus solchen Zitaten geht klar hervor, daß die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten nicht „nur“ eine Reaktion in Folge des Krieges gewesen war, sondern eine langgehegte Absicht panslawisch motivierter Vertreiber dahinter steckte, denen die Gelegenheit 1945 passend erschien.
Diese Tatsachen müssen endlich von etablierten Geschichtsdarstellungen zur Kenntnis genommen und veröffentlicht werden.
Für sein Handeln wurde Gollancz später geehrt.
Zudem gehörte Gollancz mit Bertrand Russell und Robert Jungk zu den Initiatoren der Bewegung gegen die Atomwaffen. Außerdem war er ein Kritiker der Todesstrafe und ein Vorkämpfer der Völkerverständigung.
1948 war der israelisch-arabische Krieg für ihn Anlass, zu Spenden für die palästinensischen Flüchtlinge aufzurufen.
Victor Gollancz starb am 8. Februar 1967 in London.
Gollancz als Sprecher an einer Pro-CSR Kundgebung, Sommer 1938

Gollancz als Sprecher an einer Pro-CSR Kundgebung in London, Sommer 1938

 

Gollancz bei seiner Reise durch die britsche Besatzungszone Deutschlands 1946

Gollancz bei seiner Reise durch die britsche Besatzungszone Nordwest-Deutschlands 1946

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Gollancz in Düren

Gollancz in Düren

 

 

 

 

 

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